Nicht schlank? Na und!

Weg vom Diätfrust und einfach gut leben


Ein Kommentar

Dick und arm, wie hängt das wirklich zusammen?

Es gibt mal wieder eine neue Studie. Diese besagt, dass Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung häufiger dick werden als Upper-Class-Menschen.

Wer fleißig die junk-Formate der privaten Fernsehsender konsumiert, wird genau diesen Eindruck bekommen. Da tummeln sich in Sendungen Leute mit geringem Sozialstatus meist auf der Couch vor dem Fernseher und essen dabei Snacks. Oder sie quälen sich in Abnehmcamps. Oder sie müssen erst mit drastischen Bildmanipulationsprogrammen aufgeklärt werden, dass ihre Lebensweise ihre Kinder zu dicken und sehr bald kranken und sehr rasch toten Erwachsenen macht.

In einem Artikel zur Studie heißt es:

„Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte, in der Öffentlichkeit und bei den Betroffenen müsse endlich ein Bewusstsein für das Problem geschaffen werden: Die besten Vorsorgeuntersuchungen nützten nichts, „wenn die Eltern weiter rauchen, zu viel und falsch essen, zu viel trinken und sich zu wenig bewegen“.

Erstaunlich, dass ein so gebildeter Mann eine so einseitige Ansicht haben kann.

Wenn man das Thema von mehreren Seiten her beleuchtet, ergibt sich tatsächlich eine Korrelation von Sozialstatus und BMI.  Besonders wieder bei Frauen, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass Frauen häufig ihr Aussehen mit für den sozialen Aufstieg verwenden müssen, egal ob das Partner- oder Jobsuche betrifft.

Nennen wir die (Vor)Urteile beim Namen und drehen sie ein bisschen:

+ Dicke Menschen sind ungebildet: –> sie bleiben also nicht lang genug in unserem Schulsystem.  Wie geht das Schulsystem mit dicken Kindern um? Macht es da wirklich Freude hinzugehen? Kann man sich da mobbingfrei aufs Lernen konzentrieren, wenn man ein dickes Kind ist? Häufig geht es auch über Nachhilfe, die sich die dicken Eltern dicker Kinder nicht immer leisten können, weil sie nicht gut verdienen oder arbeitslos sind und oft ist auch für alleinerziehende Mütter das einfach nicht zu stemmen, wenn sie keinen guten Job haben.

+ Arme Menschen sind dick.  –> Hier wird impliziert, dass Armut direkt mit der „Dummheit“ der niederen Schichten zusammenhängt. Anders herum betrachtet ist das Dicksein aber (auch wenn man im Schulsystem lange genug durchgehalten hat, um einen guten Abschluss zu bekommen) ein Klotz am Bein bei der Arbeitssuche. Und ohne guten Job kein gutes Einkommen. Häufig arbeitet man dann noch nebenher, macht Zweitjobs, besonders wenn Kinder zu erhalten sind. Und dann muss man sich anhören, dass man zu faul sei fürs Fitnessstudio oder für sonstige Aktivitäten wie Radfahren, Schwimmen, Walken usw… Wer nach zwei Jobs, Haushalt, Zeit mit den Kindern noch die Energie und Zeit hat, zwei Stunden Rad zu fahren oder im Schwimmclub aktiv zu werden, der hebe die Hand. Irgendwann ist die Grenze erreicht, was man in einen Tag packen kann, ohne auszubrennen.

Die Lösung? Sicher nicht Belehrungen wie von dem Herrn Ärztepräsident. Sondern vor allem eine Bekämpfung der Armut.  Und eine Politik, die dafür sorgt, dass jeder und jede mit einem Achtstundenjob genug verdient, dass nicht auch noch ein zweiter Job herhalten muss. Schluss mit dem Dickenbashing in den Schulen. Mehr leistbare Nachhilfe für Kinder, deren Eltern aufgrund von Arbeitsüberlastung nicht genug beim Lernen helfen können. Ein Ende der Jobvergabe nach „Schönheitsaugenmaß“ bei Frauen. Mehr soziale Gerechtigkeit würde dazu führen, dass sich mehr Menschen zufrieden fühlen, besser schlafen, weniger Stress mitmachen und mehr Zeit für sich haben.  Das muss angegangen werden statt auf den dicken Menschen herumzuhacken.

Und eines noch. Ja, es gibt diese dicken Menschen, die sich nicht so ernähren wie sie es gern würden, weil sie es sich nicht leisten können. Eine köstliche Golfetta-Salami kostet nunmal das Doppelte von einer viel fettreicheren Haussalami.  Eiweiß ist ein teurer Nährstoff, ebenso bestes Olivenlöl, frischer Fisch, Biogemüse – und Obst, Steak vom Biorind und so weiter. Auch Brot vom Bäcker ist in den letzten Jahren ebenfalls immer teurer geworden.  Dagegen sind besonders mit vielen Zusätzen, billigen Kohlenhydraten und gehärteten Fetten  in großen Fabriken hergestellte Lebensmittel günstig. Dicken Menschen mit geringem Einkommen vorzuwerfen, dass sie zu dumm sind, zu wissen, dass regionale, naturbelassene, nachhaltig hergestellte Lebensmittel für sich und ihre Umwelt am besten wären, ist einfach eine Frechheit. Statt solcher Statements sollten die Verantwortlichen darauf achten, dass solche Nahrungsmittel leistbarer werden, indem die Menschen, die sie essen wollen, genug verdienen, um sie kaufen zu können.

 

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Willkommen zum Diätbuffet Teil 5: Weight Watchers are watching you – oder wie man mit Demütigung den Geldbeutel lockert

(Achtung Ironie!)

DSDS kann einpacken, jetzt kommt WWmS (Weight Watchers macht Stars). Wer noch nicht gewusst hat, wie leicht es ist, sich in der Anerkennung und Bewunderung aller zu sonnen, wie schön es ist, endlich schön, endlich liebenswert zu werden, der hat noch nie die wunderbare Weight Watchers Welt kennengelernt.  Schaut euch noch nur die neuen Plakate mit den dünnen Frauen darauf an. Wetten, dass sie alle mal so richtig hässlich waren, nämlich dicker. Und dick geht gar nicht. Da muss Big Brother, stop, nein, Weight Watchers her.  Sie sind die einzige Rettung aller dicken (und zurecht unbeliebten, unglücklichen, defekten, zu reparierenden) Frauen,  vor allem jenen, die danach sehnen, dass ihnen endlich jemand einen Tritt versetzt und sagt, wie wertlos sie als Dicke sind.

Weight Watchers Geheimwaffe sind Gruppentreffen. Klar, man kann auch einen halbwegs sinnvollen Punkteplan zuhause erstellen (wer unbedingt gern mit Zahlen spielt und sich selbst bestraft, sein Essen rationiert wie ein Gefängniswärter, wer seinem Körper die Fähigkeit abspricht zu spüren, was er braucht, weil die heiligen Punkte etwas anderes sagen… ) und die leuchtende Karriere eines Restrained Eaters einschlagen, aber noch schneller geht es, wenn mam sich in Gemeinschaft befindet.

Ist es nicht wunderbar, wie stolz man auf jedes verlorene Gramm Wasser sein kann, wenn man zu Diätbeginn mit glänzenden Augen auf all die armen Tröpfe blickt, die schon seit Monaten dabei sind und kein Gramm weiterbringen und erst die Versager, die sogar zunehmen und dann Weinen, dass sie ja nur die Hälfte der Punkt essen würden. Weight Watchers weiß natürlich, dass man da keine Gnade zeigen darf.

Individueller Setpoint? Spuren langer Diätkarriere? Schwangerschaften? Erbliche Faktoren? Stoffwechselerkrankungen? Andere Faktoren, die nichs mit der Kalorienaufnahme zu tun haben?  – Wo käme man denn dahin, wenn man diese Wischiwaschiausreden gelten lassen würde?  Wir haben euch die schönen Flexipunkte gegeben, damit ihr willensschwachen Esser irgendwann die Sau rauslassen dürft, um sie danach wieder einzufangen. Ist ein tolles Konzept, so halten wir euch im Pferch, und ihr bleibt auch, wenn es nach den Anfangserfolgen nicht mehr so gut weitergeht.  Wir sind auch dafür, dass man langsam abnehmen muss, sonst würdet ihr ja nur kurze Zeit für die Gruppensitzungen bezahlen, oder? Also geben wir euch laaange, aber wenn es nicht und nicht klappt, dann wollen wir euch auch nicht mehr. Ihr seid dann demotivierend und stellt unser schönes System infrage.

Seht doch die hunderten, die tausenden zufriedener Kunden. Über Jahre, Jahrzehnte hat es funktioniert. Die Leute glauben an uns, sie gehorchen uns, wie geißeln sie. Wir sind besser als jede Kirche, wenn es darum geht, Sünder an den Pranger zu stellen, wir sind die neue Religion.

Befolge unsere Gebote!

  • Du sollst nicht mehr als deine Punkte essen.
  • Du sollst immer mit Angst und Vorsicht essen.
  • Du sollst immer zu den Treffen kommen und dich öffenltich wägen (weil das System ja schon in der Schule so schön war und so vieeel Freude gemacht hat, nicht wahr?).
  • Du sollst dich schämen, denn ohne Gewichtsverlust bist du nichts. Ohne uns bist du nichts.
  • Du sollst uns gut bezahlen und lange bei uns bleiben. Und immer wieder kommen, wenn der JoJo-Effekt dich eingeholt hast.
  • Du sollst für uns missionieren. Bei deiner Familie, deinen Freunden, im Internet. Bekehre sie alle.
  • Denn niemals sollst du dir trauen, weil dein Körper ist dein Feind. Wir machen dich schön und glücklich. Wer nicht schön ist, darf nicht glücklich sein.
  • Komm zu uns, wenn du glaubst, zu dick zu sein. Wir werden niemals sagen, dass du in Ordnung bist und uns nicht brauchst.

Wir machen dich zum Star. Alle werden auf dich schauen, dich beobachten wie die Paparazzi. Sie werden dich beobachten beim Einkaufen. Sie werden dich beobachten im Cafe. Sie werden dich beobachten auf dem Markt. Du wirst es nicht wagen, mehr zu kaufen als unsere Punkte es erlauben. Du wirst mit Furcht im Nacken zur Speisekarte im Restuarant greifen. Die anderen sehen dich. Sie werden dich verraten, dich bloßstellen, über dich tuscheln. So ist, es, wenn man ein Star ist. Freue dich und juble uns zu.  Denn unser System ist Gesetz. Weight Watchers are watching you.


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Zu dick für einen guten Job? Wie Übergewicht die Arbeitssuche erschwert.

„Wir finden Sie zu hässlich für unsere Firma. Dicke Leute sind hier nicht willkommen.“ – So etwas werden die allerwenigsten der Bewerber tatsächlich zu hören bekommen. Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass die Vorurteile gegenüber dicken Menschen vor den Personalchefs und Firmenleitungen nicht halt gemacht haben.

Wer sich als dicker Mensch bewirbt und ein Foto von sich beilegt, wird oft nicht einmal mit einer Antwort gewürdigt. Wenn doch, dann kommt eine Standardabsage.

Wird man zum Bewerbungsgespräch eingeladen, spürt man schon beim Betreten des Raumes, wie die üppige Körperform auf die Anwesenden wirkt und in ihren Köpfen die Spirale der Vorurteile in Gang kommt:

+ dicke Menschen sind weniger leistungsfähig

+ dicke Menschen gefallen mir nicht (dicke Frauen sind für mich nicht sexuell aufreizend)

+ dicke Menschen sind nicht intelligent

+ dicke Menschen haben keinen Biss, halten nicht durch

+ dicke Menschen werden öfter krank

+ dicke Frauen können nicht repräsentieren (weil sie für die Männer nicht schön sind und Sex sells)

Auch wenn die Vorurteile meist besonders Frauen (weil die subjektiv wahrgenommene „Schönheit“ häufig immer noch wichtiger ist als alle anderen Qualifikationen) treffen, auch dicke Männer haben Probleme als potentielle Arbeitskraft wahrgenommen und nicht auf ihre Körperform reduziert zu werden, wie man bei diesem Paar sieht.

Auch wenn man den Job hat, wirken, was die weitere Karriere betrifft die Vorurteile in den Köpfen der Personalverantwortlichen weiter.

Auch das Selbstbild ist entscheidend, wenn man sich um einen Job bewirbt. Wenn man seine eigenen Chancen von vornhereien nahe Null einstuft und das durch Sprache, Mimik und Köperhaltung zum Ausdruck bringt, tut sich naturgemäß noch schwerer damit, bei einem Bewerbungsgespräch zu punkten. Teils braucht es nicht einmal persönliche Erfahrungen, es genügen das Wissen um die altbekannten Vorurteile und man glaubt schon vor dem Gespräch, dass daraus nichts werden kann. So wird eine negative Spirale in Gang gesetzt, die es aufzuhalten gilt.

Das ist in Australien nicht anders, auch wenn es dort im Bundesstaat Victoria bereits Gesetze gegen Diskriminierung aufgrund des Aussehens gibt.

Ob die anonymisierte Bewerbung, wie sie in den USA angestrebt wird, da helfen kann? Zumindest könnte es so zu mehr Vorstellungsgesprächen kommen. Doch bei den Gesprächen selbst ist das Äußere wieder mit im Spiel.

Interessant wäre eine Studie, ob weibliche Chefs strenger oder toleranter als ihre männlichen Kollegen sind.

Ein Umdenken wird, so fürchte ich, erst einsetzen, wenn der Teule in der Not die Fliegen frisst, wie das Sprichwort sagt, also wenn durch den Mangel an Personal aufgrund der Altersentwicklung der Bevölkerung die freien Stellen nicht (nur) mehr mit jungen, schlanken, schönen Menschen besetzt werden können.


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The Dieter’s Dilemma. Eating Less and Weighing More – Das Dilemma der Diäten(den) – weniger essen und dennoch mehr wiegen

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Das Buch von William Bennett und Joel Gurin ist über 30 Jahre alt und dennoch könnte es heute geschrieben worden sein. Es hat sich so wenig verändert, seit die beiden sich aufmachten, der Wirkungslosigkeit von Diäten auf den Grund zu gehen. Sie hinterfragen auch die Volksmeinung, dass Übergewicht zwangläufig von sich aus krank macht und die gesellschaftliche Ächtung, die Übergewichtigen deshalb zuteil wird, weil sie ja so hohe Kosten verursachen (und das nur weil sie, so die gängige Meinung in unseren Medien und den Köpfen der meisten Meschen, schwach und faul sind).

Genau und gewissenhaft nahmen sie zahlreiche Studien unter die Lupe, hinterfragten die „idealen“ Maße, den BMI und warum Diät nach Diät auf den Bestsellerlisten auftaucht, die Erfinder reich macht und wieder verschwindet. Sie warnen vor Medikamenten als Diäthilfen, vor Operationen und davor, Tierexperimente zu rasch und unkritisch auf die Menschen zu übertragen.

William Bennett und Joel Gurin sind die Urväter der „Setpoint“-Theorie, die auch in „Health at every size“ betont wird und die ich als für mich am logischsten entdeckt habe.

Was besagt die Setpoint-Theorie?

Jeder Körper hat sein eigenes Idealmaß. Das kümmert sich nicht darum, welche Mode gerade „in“ ist oder ob wir einem bestimmten von oben (Gesundheitsbehörden) herab verordneten Schema entsprechen.  Es wird bestimmt durch seine Gene, sein Alter, seine momentanen Bedürfnisse und Ernährungsgeschichte. Anders als bei „Health at every size“ nehmen die beiden Autoren hier nicht Bezug auf ein bestimmtes Gewicht als Setpoint, sondern sie verstehen darunter eine gewisse Größe und Zahl an Fettdepotzellen. Der Körper ist ziemlich flexibel, daher „erlaubt“ er sich eine gewisse Bandbreite auf und ab von seinem jeweiligen Setpoint. Erst wenn diese Bandbreite längere Zeit unter- oder überschritten wird, reagiert er. Bei zuviel Gewicht kurbelt er den Stoffwechsel an, er verbrennt mehr. Bei zu wenig Gewicht schraubt er den Stoffwechsel herab, sorgt dafür, dass der Mensch sich weniger bewegen mag und in den Hungermodus fällt, den man seit dem Hungerexperiment von Minnesota sehr genau kennt.

Doch wie jeder Mechanismus kann der Setpoint durcheinander gebracht, gestört werden. Diäten setzen den Setpoint hinauf. Daher, so die Theorie, wird man umso dicker, je öfter man Diät macht.  Stress,  Schlafmangel, Medikamente,  usw… können auch den Setpoint hinauf setzen. Und manche Menschen haben, genetisch bedingt, einen sehr hohen Setpoint.

Kann man den Setpoint auch wieder hinunter setzen?

Ja, kann man und zwar durch aerobe Bewegung. Das ist jetzt kein Aufruf zum Marathon-training oder zum Fitnesswahn, sondern das Ergebnis einiger Studien. Am meisten beeindruckt hat mich jene von Professor Grant Gwinup bei der die Teilnehmerinnen ohne einem Ernährungsplan zu folgen, einfach pro Tag eine halbe Stunde flott gelaufen sind. Das klingt jetzt nicht nach viel, dennoch hielten nur etwa die Hälfe davon durch. Bei denen, die bei der halben Stunde blieben, stabilisierte sich das Gewicht auf einem nierdrigeren Level (Setpoint herabgesetzt), bei jenen, die noch mehr laufen wollten sank das Gewicht weiter. Es sank sehr langsam und die Dicke der Hautfalten nahm ab, was als Zeichen gesehen wird, dass der Gewichtverlust auf einen Fettverlust zurückzuführen war und nicht, wie bei Diäten so oft, auf einen Wasserverlust und einen Abbau von Muskulatur.

Das Buch beschreibt auch sehr genau, wie die heutigen Gewichtsempfehlungen zustande gekommen sind und die historischen Hintergründe des heutigen Körperformideals. Beides ist sehr interessant zu lesen und regt zum Nachdenken an.

Dreißig Jahre ist das Buch nun da, und hätte, wäre es auf den Bestsellerlisten gelandet wie viele Diätbücher, ein Umdenken herbei führen können. Doch es ist leider vieles noch immer so wie in dem Buch beschrieben. In dreißig Jahren hat sich nichts an der Anbetung der Schlankheit geändert, mehr noch, jetzt werden richtig magere Figuren als erstrebenswert dargestellt. Die Modewelt diktiert, wie wir sein müssen, und wer nicht in das Modell passt, wird schel angesehen. Die Menschen werden immer älter, leben immer länger, die Pensionisten sind immer rüstiger, sodass das Arbeitsende hinausgezögert werden soll — trotzdem sind wir (angeblich) alle dem frühen Tode geweiht, wenn wir nicht alle dünn werden und das am besten schon vorgestern.  Man fragt sich, wer und was hier wirklich krank ist….

William Bennett und Joel Gurin:

The Dieter’s Dilemma. Eating Less and Weighing More.

Basic Book Inc. 1982

Hardcover, 315 Seiten.


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Und der schwarze Peter wandert zu…. Kinder und Übergewicht (mal wieder)

Und der schwarze Peter wandert zu …

… denen, die sich nicht wehren können

… denen, die am leichtesten zu beeinflussen sind und am wenigsten hinterfragen

… denen, die am meisten zu verlieren haben

Den goldenen Windbeutel der Verbrauchertäuschung bekam dieses Mal die Capri Sonne.  Das Getränk, das gesunde, frisch gepresste Orangen verspricht und eine Menge zugesetzten Zucker enthält.

Somit ist klar,

… dass die Kinder schuldig sind. Sie werden getäuscht, also lassen sie sich täuschen. Sie sind zu gutgläubig, zu denkfaul, zu dumm, zu zuckersüchtig.

… dass die Eltern schuldig sind. Sie sind zu leichtgläubig, zu denkfaul, zu willensschwach und zu bequem, um ihrem Nachwuchs echte Orangen auszupressen.

Die Industrie wird wieder versprechen, dass sie sich um weniger Zucker bemüht und andere Süßungsmittel verwenden. Ob das dann gesünder ist, sei mit Fragezeichen versehen. Auf jedenfall wird es für die Mischer in den Laboren nicht einfacher. Das Getränk darf nicht weniger süß schmecken, es soll weniger Zucker enthalten, Stevia schmeckt vermutlich nicht so klasse und vor allem darf das Getränk nicht teurer werden, aber vor allem soll die Gewinnspanne nicht sinken. Da werden die Köpfe rauchen.

Unabhängig davon, wie ungesund/gesund Capri Sonne in Zukunft sein wird oder derzeit ist, der schwarze Peter ist mitnichten bei der Wirtschaft. Denn die flößen den Kindern das Getränk ja nicht ein. Auch die Supermärkte sind nicht schuld, es steht die Capri Sonne ja nicht allein im Regal und hinten in der Obstabteilung gibt es jede Menge frische Orangen, also die Wahl ist da.

Der schwarze Peter ist eindeutig wieder bei den Konsumenten, bei den Kindern und Eltern gelandet.

Was ich bedenklich finde ist die Tatsache, dass somit Übergewicht bei Kindern durch die Blume wiederum rein dem Zuckerkonsum zugeschoben wird. Kinder essen Zucker weil sie Zucker essen wollen, so die unterschwellige Botschaft. Sie trinken Zucker, weil sie das wollen. Sie haben es nicht besser gelernt. Sie sind verdorben durch die Dummheit der Eltern und hilflos ihrer Gier ausgeliefert.

Mit inkludiert ist in dieser Botschaft, dass es ja so leicht für Kinder ist, auf Zucker zu verzichten. Wenn nur die dummen Eltern und ihre Kinder mit erzogen werden, aufgeklärt werden. Und so gibt es wieder jede Menge Artikel darüber zu schreiben.

Schon bei der Einschulung sind die Kinder zu dick und zu ungelenkig. Das sagt man ihnen am besten vor versammelter Klasse, nach dem beschämenden Wiegen und Messen  und laut und verschafft ihnen einen hervorragend demütigenden Start ins Schulleben.

Und da die Barbie ja auch dünn ist und die lebenden Barbies sprich Models in den Magazinen auch, wird die Angst vor dem eigenen Körper vor allem bei den Mädchen immer größer, jede Veränderung während der Pubertät, der normale Zuwachs an Fettgewebe, die weicheren Körperformen werden zur Bedrohung des angestrebten Zombielooks.

„dick“ , „fett“, „Pummel“, „Moppel“  – diese Bezeichnungen werden zu Schimpfwörtert, die weit mehr verletzen können als jede andere Form der Herabwürdigung.

Wie groß die Phobie der jungen Mädchen vor sich selbst geworden ist, kann jeder sehen, der bei gutefrage.net die Frage „Bin ich zu dick“ eingibt.  356.000 Ergebnisse – werden dort gezählt. Es werden nicht wirklich so viele sein, wenn man sie alle durchklickt, aber genug, um zu erschrecken.  Und einige der Antworten erschrecken nicht minder.

Wollen wir wirklich ein Heer von magersüchtigen, kraftlosen, wehrlosen jungen Mädchen heranzüchten? Von Mädchen, deren Gedanken sich nur und immer ums (nicht)Essen kreisen, die permanent hungern und denken, das müsse so sein – und es somit den Modelagenturen leicht machen, indem wir sie wissen lassen, wo sie ihren Nachwuchs abholen können? Genau vor der Klinik….

Egal, welche Körperform ein Kind hat. Es hat vor allem eine Seele, ein Selbst-Bewusstsein, das viel zu zerbrechlich ist  als dass wir es den „wohlmeinenden“ Diätgurus und der raffgierigen Schlankheitswahn-Industrie vor die Fänge werfen dürfen.  Und Eltern lieben ihre Kinder, es ist völlig verkehrt ihnen vorzuwerfen, diese fast schon absichtlich mit „schlechten“ Produkten vollzustopfen.  Und jene Kinder, die wirklich mehr (vor allem Süßes) essen, als ihr Körper braucht und haben will (unabhängig von der Körperform) haben meist einen sehr traurigen Grund dazu, einen Grund, den kein Diätcamp verschwinden lassen kann.  Doch darum kümmern sich viel zu wenige der „wohlmeinenden“ Stimmen aus Medizin und Diätwissenschaft.


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Blogger rezensieren

Es gibt eine neue Blogger-Rezension zu meinem Ratgeber „Nicht schlank? Na und!“  Andrea hat das Buch gelesen und ihre Meinung finden Sie hier.

++++

Weitere Rezensionen zu anderen Werken sind ebefalls neu im www aufgetaucht:

Diebesgeflüster Band 1  bei „The Advanced Fantasy Reader“

Hexe Pollonia bei Nadin testet

und nochmals

Hexe Pollonia bei so-is-des.de


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Als Bewegung noch Freude machte – Sporttipps

Wann immer ich mit dem Thema Bewegung komme, gibt es LeserInnen, die innerlich seufzen oder die Arme verschränken. Nicht schon wieder. Immer dieses Vorurteil. Dicke sind nicht faul.  Natürlich nicht. So ein Pauschalurteil wäre völlig daneben.

Es gibt unter allen Menschen solche, denen es beim Wort „Sport“ die Haare aufstellt. Ich bin auch alles andere als „sportlich“. Ich gewinne kein Wettrennen oder Wettschwimmen und das Seil im Turnsaal hochzuklettern ist nach wie vor ein Alptraum.

Dennoch. Ich bewege mich gern. Nicht wie der Blitz und auch nicht zu jeder Tageszeit.

Doch ich wette, im Leben jedes Menschen, egal wie dick oder dünn, wie schwach dieser Mensch heute ist, gab es eine Zeit, an der Bewegung spannend war.

Schließen Sie die Augen und gehen Sie zurück. Als Sie das Krabbeln lernten, als Sie die ersten Schritte machten, das erste Mal Dreirad fuhren, im aufblasbaren Schwimmbecken plantschten… Es gab diese Zeit, da war Bewegung, ich nenne es mal „unschuldig“.  Sie war nicht behaftet mit einem Leistungsgedanken. Wenn jemand zusah, dann mit Stolz und Freude, dass diese Bewegung gemacht wurde, es zählte nicht WIE sie gemacht wurde.  Es kam nicht darauf an, am schnellsten zu krabbeln, auch nicht, dass man schnurgerade läuft. Es war egal, ob der Badeanzug im Platschbecken richtig saß und im Sandkasten spielte es keine Rolle, ob das Loch groß oder klein war, das man grub.

„Versauert“ wurde diese Erfahrung erst durch den Wettbewerb. Wenn es schneller, stärker, besser sein muss ….  und wenn man als Mädchen dabei auch noch „hübsch“ sein muss. Wenn die Äußerlichkeiten den wahren Wert der Bewegung auffressen, ist die Freude bei vielen dahin.

Mir ist es gelungen, mir diese Freude zurückzuholen. Ich werde nie die beste in irgendwas sein oder besonders gut dabei aussehen. Das ist mir schnuppe. Ich tu es, weil ich es tun kann. Im Gegensatz zu kranken, bettlägrigen Menschen, zu Menschen, die zu schwach sind oder die im Rollstuhl sitzen. Und ich bin verdammt dankbar dafür.

Wenn auch Sie sich nicht länger von Leistungsdruck, Abnehmzwang und optischen Vorurteilen die Freiheit der Bewegung vermiesen möchten, hier habe ich einen Link mit interessanten Sporttipps für Menschen gefunden, welche Angst haben, dass ihre Gelenke zu stark belastet werden.